Kurzgeschichten aus Israel

Eine kleine Sammlung israelischer Kurzgeschichten - Übersetzungen aus dem Neuhebräischen.

Mein Tip zum anfangen? Yehoshuas Abendfahrt von Yatir. Je früher Sie mit Yehoshua anfangen, desto besser. Ein gewaltiger sprachlicher Wüstensturm mit ganz subtilen Untertönen. "Yatir" heist übrigens "überflüssig".

Und was nach Yehoshua? Kenaz natürlich. Henriks Geheimnis. Eine schöne, nicht ganz einfache Jungenfreundschaft! Oh - oder Die Versammlung des Enfant Terrible Ran Jagil. Für mich formal der pefekte Anfang einer Kurzgeschichte: in sechs kurzen ersten Sätzen ist die ganze Stimmung gezeichnet.


  1. Amalia Kahana-Karmon: Neïma Sasson schreibt Gedichte Ein pubertierendes, in seinen Lehrer verliebtes Mädchen, sucht seinen Weg.
  2. Dan Baniha-Sari: Morgenrotliebe Ein Mann erzählt von seiner allerersten Liebe.
  3. Dan Baniha-Sari: Frau Galzan Eine jemenitische Frau im bucharischen Viertel Jerusalems kämpft um ihren Sohn.
  4. Shulamith Har'even: Der Zeuge Ein neu eingewandertes Waisenkind zwischen Vergessen und Verdrängen.
  5. Jehoshua Kenaz: Henriks Geheimnis Eingliederung von Neueinwanderern und eine Jungenfreundschaft.
  6. A.B. Yehoshua: Abendfahrt von Yatir Yehoshuas Sprach- und andere Gewalt im vergessenen Nest Yatir.
  7. Etgar Keret: Alissa Ein spezielles brüderliches Geburtstagsgeschenk.
  8. Sayon Liebrecht: Su'ad Von Siedlern und Beduinen.
  9. Ran Jagil: Autobiographie Eine Kindheit als Sohn von...
  10. Ran Jagil: Die Versammlung Neonazis und Sabras in New York.
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Dan Baniha-Sari: Morgenrotliebe

Ich kehrte zum Quartier meiner Kindheit zurück, zum bucharischen Viertel.

Oben in der Davidstrasse steht Vaters Lebensmittelgeschäft, und schon klopft mein Herz und springen meine Füsse hin, fasst mich plötzlich eine verborgene Hand am Haar und führt mich in den Hof der grossen Augen, zu jener Ruine, in der einst Rachel, die Morgenrotliebe meines Lebens, wohnte.

Wie mir scheint, war ich damals ungefähr neunjährig, als ich einmal aus Vaters Laden ging, den Korb mit Notwendigkeiten in der Hand, den ich zum Haus von Onkel und Tante brachte. Es war ein Herbsttag, ziemlich kalt, und ich ärgerte mich wie immer, dass nur mir allein so langweilige Botengänge auferlegt wurden, als plötzlich aus dem winzigen Steinbogen des Armengebäudes ein kleines, ungefähr achtjähriges Mädchen trat, und da es im Sommerkleid zitterte, stand es einen Moment lang da und schaute sinnend zum Haus Jehudiov , zum schönsten der Häuser des Quartiers. Wie ich sie sah, packte mich sofort, wie wenn ein Stein auf meinen Kopf gefallen wäre, ein unbekanntes Gefühl von Knieschlottern. Auch heute fällt es mir schwer, ihre Züge zu skizzieren; vielleicht beschreibt die anonyme Verfasserin des Hohelieds besser als ich.

Ich näherte mich erfolglos dem Mädchen, versuchte mit zitternder Hand ihren Arm zu berühren. Noch heute weiss ich nicht, woher ich die Kraft, wenn nicht gar die Frechheit schöpfte, plötzlich ihre Hand zu fassen und mit Worten, wie es für die Liebe keine grösseren gibt, zu beichten: "Willst du eine saure Gurke?". Und Rachel, deren Namen ich in jenem Moment nicht kannte, erschauderte sofort und sagte mit einem gar ein wenig ängstlichen Blick: "Ja", "Ja". In verrücktem Lauf brach ich in Vaters Laden ein und ohne zweimal nachzudenken, murmelte ich: "es kam irgend so ein Onkel zu uns und Mutter möchte saure Gurken." Vater packte mir mit einem verstecktem Lächeln zwei Gurken in ein Papier, nebst einem braunen Säckchen Oliven und sagte: "hier, auch Oliven, vielleicht ist der Gast hungrig." So begann das Kapitel meiner Liebe zu Rachel - erst Gurken, danach Käse, Chaalba , Nüsse und zum Schluss Hefekuchen.

Es waren die Tage, in denen mein Herz mit mir durchging, denn ich begann, Butterbrote in die Schule mitzunehmen. Doch nicht nur Freude gab es deswegen. So erschrak ich über meine Schwester, die eines Morgens schrie, irgendwer hätte ihre Strümpfe aus den Schuhen gestohlen. Da in der selben Woche auch Vaters Schabbatschuhe verschwanden, begann sich Mutter vor Mäusen zu fürchten und verbreitete Gift in allen Ecken des Hauses.

Rachel lehnte nichts aus meiner Hand ab. Ihre Familie war vom Schicksal geschlagen. Ihr Vater arbeitete wegen einer Verletzung nicht und ihre Mutter verdiente als Haushaltshilfe sehr wenig. Kein Wunder, dass meine Geliebte Rachel aus meiner Hand am selben Tag auch die Unterwäsche meines Bruders annahm.

Doch eines Tages war es plötzlich vorbei. Zwei Wochen lang wartete ich auf sie, bis ich mich eines Tages überwand und an die Tür ihres Hauses klopfte. Wie es schien, war es ihr Bruder, der öffnete, und er war es, der mir mitteilte, Rachel sei weggeschickt worden, um beim Onkel in Ramle zu wohnen.

Seither habe ich sie nicht wieder gesehen, und die Jahre vergingen. In Zwischenzeit wurden mir Kinder geboren und ich hielt mir eine Frau, und wie die Zeit vergeht, kehre ich manchmal mit der Reise meiner Sehnsucht ins Quartier zurück, als Antwort an jenen verlassenen Innenhof. Heute ist das Haus verlassen und leer. Nur Strassenköter finden darin einen Unterschlupf.

Und trotzdem kehre ich mit den Augen des Kindes zurück und denke nach über die Gestalt, erschaudere in meinem Herzen, was mir im Leben geschehen würde, wenn sie mich plötzlich packen und sagen würde: "Hier bin ich, Bruder, all die Jahre habe ich auf dich gewartet."

Was würde ich ihr antworten? Wohin würde ich gehen?


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Dan Baniha-Sari: Frau Galzan

1

Am selben Morgen, als Frau Galzan den Rollagen hochzog, bemerkte sie, dass der Schnee schon den Hof bedeckte. Aus ihren müden Augen verschwanden nicht die Hinweise auf die Blumentöpfe und Aststücke, die wie Kadaver auf den Steinen des Hofes lagen. "Sie sind gestorben", spie sie beim Anblick ihrer schmutzigen Farbe aus und schloss das Fenster. Für einen Moment liess sie ihre Hand auf den Bauch fallen, und als sie ihren Sohn erblickte, fügte sie hinzu: "auch der Baum ist zerbrochen". Erst dann sank sie auf den kleinen Stuhl beim Tisch, liess ihren Kopf in die Hand fallen und dachte wie zuvor über diese bucharische Kuh nach, die sie ihrem Sohn zur Frau gegeben hatte. "Verreck doch!", schimpfte sie.

2

Wurde Frau Galzan auch täglich durch ihre grobe Sprache bekannt, brachte sie die Leute nie im Leben dazu, sie zu verfolgen. Im Gegenteil hielt man ihr gegenüber höfliche Distanz und zuweilen auch ein wenig Mitleid, auch damals, als ihr Mann das Haus verlassen hatte und entschwunden war, machte man nicht ihre Gesichtszüge verantwortlich, sondern das fiebernde Gehirn jenes Jemeniten. Zwar war sie, wenn ihr die Wahrheit wissen wollt, nicht lieblich, sondern ein wenig rauh, trotzdem misstraute niemand ihrer Hässlichkeit. Erst als ihr Mann das Haus verliess und sie ohne Scheidung zurückliess, wurde ihre Hässlichkeit zur Gewissheit. Nicht das Bild einer Eidechse, behüte, und Katzen tanzten nicht nach ihr, dennoch blickten alle auf ihre schändlichen Ohren und auf ihre wie ein Storchenschnabel zwischen ihre Zähne gesteckte Nase, die Leute fragten sich, wie ihr Mann von vornherein in diesen zweifelhaften Trog gestrauchelt war. Es gab Leute, die ihre Gesichtszüge betrachteten und mutmassten, sie sei in einem Gurkensack geboren worden, doch als man ihre dicken Füsse und ihren schleppenden Gang bemerkte, wusste man nicht, wieso man ausgerechnet jenes Gemüse in schlechten Ruf gebracht hatte. Auch mit ihren Kleidern pflegte sie hart umzugehen. Immer nur aus jener groben Baumwolle aus SackstoffBahnen, aus jenen aufgetrennten Müllfasern, die sie auf ihren zahllosem Ausflügen nach Mülleimern gefunden hatte. "Eine Frau muss wissen, woher sie gekommen ist", meinte und zitierte sie vor ihren Freundinnen aus den Sprüchen des alten Mari Sad, und die Frauen stimmten ihr zu, waren streng und gingen nur in Lumpen zu ihr.

Wie bei den Kleidern kannte Frau Galzan auch bei den Lebensmitteln keine guten Tage und von der Stunde an, in der sie ohne Scheidung zurückgelassen war, stieg sie bis zu den wirklichen Abfällen hinab und fand ihren Lebensunterhalt bei den Askenasinnen, die ihr an den ersten Wochentagen ihre Strümpfe zum Ausbessern brachten. Diese Schurkinnen teilten ihr einen mikrigen Lohn zu, doch sie nahm es ihnen nicht übel. Stets tat sie ihre Arbeit ehrlich, zuverlässig und mit einem Mass an Hartnäckigkeit, die ihr mehr wunderbarer als staunenswerterweise eigen war. Mehr als alles prüfte ihr Hirn die Ringelsocken, die ihr die Mädchen brachten. "Was essen sie?" zerbrach sie sich wieder und wieder den Kopf, und die Frauen, die wie sie auf dem Thema herumkneteten, antworteten schnell: "Hundeknochen." Von den Tagen an, als die Askenasinnen ihr auch die Unterwäsche ihrer Männer zu bringen begannen, hielt sich Frau Galzan nicht zurück und offenbarte ihren Freundinnen, dass die Askenasinnen möglicherweise wie Eselinnen ein Loch besässen - es gäbe also keinen Zweifel mehr, woher in jenen Tagen die Mäuse kämen.

Obwohl die Leute arm wie sie waren, hatten einige Mitleid mit ihr und öffneten vor ihr den Geldbeutel, doch Frau Galzan lehnte ab. "Auch so sprudelt mir Wasser aus dem Felsen", rezitierte sie immer wieder aus den Sprüchen des alten Mari Sad. Alle kannten ihre stolze Haltung und die Ruhe ihrer Entbehrung und wann sie konnten, sahen sie die Verbindung mit dem Wind der Wüste, aus der sie mit ihrer Familie und einer Eselskarawane hierher eingewandert war, und wenn sie wieder mit ihr trauerten, vergassen sie nie, dass auch ihr Mann Schuld an ihrem Zustand hatte. Viele Anzeichen sahen die Leute in seiner Flucht. Manche behaupteten, dass er vom Zauber einer islamischen Lilith gepackt worden sei, und andere meinten nicht ganz zu Unrecht, ihr Mann habe damals eine Eidechse gesehen und sich an seine Frau erinnert. Erst in den Tagen, als sich die Türken aus dem Lande zurückzogen, erzählte die verrückte Marsala, sie habe ihn gesehen, wie er mit den Eseln zu den türkischen Schiffen im Meer geschleppt worden. "Ich habe mich nicht geirrt", brummte in jenen Tagen der Mohel Mari Pitjachi, " er war es, denn schon nach seiner Beschneidung streckte er seine Vorhaut unter die Gäste." Seither blieb Frau Galzan allein mit ihrem kleinen Baby.

3

"Juda", beugte sei sich zum Bett und fasste ihren Sohn bei der Hand, "soll ich dir einen Brei machen?" Auch wenn sie wusste, dass er ihr nichts antworten würde, verzweifelte sie nicht. "Mir viel Zucker." Ihr Gesicht blieb verschlossen wie es war. Nicht das kleinste bisschen Hoffnung. "Oder vielleicht Suppe?" flehte sie. "dies ist auch, was der Arzt empfiehlt", freute sie sich plötzlich über ihre gute Idee und eilte in die Küche.

Hier räumte sie den Kochtopf aus dem Schrank, warf Süsskartoffel und Kussagurke hinein, und als sie auch den Rest des Gemüses einsammelte, das bei ihr in der Kiste vor sich hin moderte, fragte sie sich, wer die Zwiebel gestohlen hatte. So, wartend, bis das Gemüse kochte, dachte sie wieder an jenen Tag, an dem ihr Sohn mit leerem Koffer von seiner Frau zurückgekehrt war. Anfangs hatte sie sich noch nicht um seine Gesundheit gesorgt. Im Gegenteil hatte sie ihm das Bett schnell angezogen und sogar die alten Hausschuhe seines Vaters ans Fussende gelegt. "Bist du wirklich müde?", hatte sie an seine nächtlichen Heldentaten bei seiner Frau angespielt, doch als sie seine verlöschten Augen wie auch sein fürchterliches Schweigen bemerkt hatte, hatte sie sich nicht zurückgehalten und schnell den alten Mari Sad ans Bett gerufen. "Keine Sorge", hatte sie der Weise rasch beruhigt, "auch unser Lehrer Moshe war am Anfang von schwerer Zunge."

Von jener Stunde an verabscheute sie die Bucharen, und wenn sie ihnen auch nicht mit einem Messer entgegentrat, wussten sie alle, dass sie gut daran taten, ihre unbeschnittenen Babies von ihr fernzuhalten. Tatsächlich, als am selben Tag der Ladeninhaber Mussa der Jemenite aufstand und das Lob der hübschen Töchter des Barbiers Amuiov sang, hörte sie auf, bei ihm einzukaufen.

Jetzt packte sie den Suppenteller mit der Hand (und) fühlte, dass es an der Zeit sei, auch ihrem Sohn mit dem Messer beizukommen. "Juda", schrie sie in seine Ohren, "schau, Süsskartoffel." Für einen Moment glaubte sei, dass auf sie einging, doch bald bemerkte sie, dass es wieder dasselbe hässliche Grinsen war, mit dem er von seiner Verlobten zurückgekehrt war. "Oder vielleicht versuchst du eine Karotte", flehte sie, "schau, ich habe sie mit Koriander gemacht, wie du es magst."

Lange blickte sie in sein Gesicht, doch schliesslich, da sie darin nichts sah, legte sie den Teller aus der Hand und trocknete ihren Mund mit Lumpen. "Weisst du", versuchte sie ihn wieder zum Sprechen zu bringen, "heute hat der Wind wieder einmal die Dachziegel zerbrochen. Ja, was kann man machen. Das ist sicher, was Gott will. Aber du, du musst nicht aufstehen. Morgen gehe ich zum Vater deiner Bastardin und bringe ihm die Nachricht. Nein nein, hab keine Angst. Nicht einen Groschen wird dieser Schurke von mir sehen."

Manchmal lauschte sie seinem Röcheln und fürchtete insgeheim, vielleicht sei er wie einer der Askenasen von jener Krankheit Lepra geschlagen. Nicht dass sie, um Gottes Willen, etwas gegen die Askenasen hatte, im Gegenteil freute sie sich über jede Todesanzeige, die im Quartier aufgehängt war, und als sie aus dem Mund der dicken Frau Sax hörte, dass auch ihr Mann vor seinem Tod das Bett genässt hatte, bestand sie nicht mehr auf ihrer Ehre und rief den Arzt an sein Bett.

Wenn auch der Arzt aufmerksam ihren Sorgen lauschte, beeilte er sich nicht, die Instrumente aus dem Koffer zu nehmen. Lange studierte er peinlich genau die Möbel des Hauses und verbarg sein Erstaunen nicht. "Wo hast du die gekauft?" lobte er ihren Geschmack, und Frau Galzan, die sich mit ihm über ihren Reichtum freute, antwortete ohne zu zögern: "auf dem Flohmarkt." Am nächsten Tag brachte er schon zwei seiner Freunde mit und auch sie liessen die Möbel nicht aus den Augen. "Für wieviel verkaufst du sie?", endlich berührte einer von ihnen die Seite des Schrankes. Beim dritten Mal war das Gesicht des Arztes schon zurückhaltend. Er zog den Gummihammer aus seinem Koffer und beklopfte damit die Beine ihres Sohnes. "Wie alt ist er?", fragte er. Trotz aller Anstrengung, erinnerte sie sich nicht. Erst am Schluss, als er zur Tür ging, hellte sich ihr Gesicht auf. "Er ist an Purim geboren", sagte sie.

4

In seiner Kindheit, so erinnerte sie sich, kannte ihr Sohn nie eine Krankheit. Alle staunten über seine Gesundheit, über seine wunderbare Kraft, über jenen kalten, fast fremden Blick, an dem die Mohalim ihre Messer wetzen konnten. Anfangs brachten die Leute seine Stärke mit jenem zartbitteren Fledermaushonig in Zusammenhang, den sein Grossvater auf dem Dachboden der Askenasin Bejla schleuderte. Doch mit den Tagen, als bekannt wurde, dass der Honig nichts als Fusswasser jener Schurkin war, schenkten alle den Ansichten des alten Mari Sad wieder Glauben, der sagte, seine Mutter habe vielleicht von OryxAntilopen geträumt, bevor sie mit ihrem Sohn niederkam, der beinahe das Gewicht von Zwillingen hatte.

Als für das Kind die Zeit kam, Thora zu lernen, beharrte seine Mutter darauf, ihn ins Lehrhaus des Askenasen Rev Eckstein mitzunehmen. "Hier lernt er im Gegensatz zu Vater zumindest die Zeitung zu lesen." Doch auch diesmal war die Hand des alten Mari Sad stärker: "es genügt, dass das Kind ein Waise ist", schalt er sie.

So wurde er Steinträger in den Grabhöhlen der Sanhedria. Anfangs bemerkten die arabischen Aufseher seine Kraft nicht und luden nicht mehr als Sandsäcke auf seinen Rücken. Doch als sie ihn eines Tages den kranken Esel des Kofferträgers Levi auf seinen Schultern tragen sahen, luden sie auch Felsen auf seinen Rücken. So, getragen zwischen Erde und Himmel, wunderten sich die Leute erstmals, ob eventuell nicht nur auf dem Sinai die Thora gegeben worden war. "Was isst du?", hörten sie nicht auf zu staunen. Und er, er klopfte mit der Hand den Staub der Berge ab, der an seinem Rücken klebte, und antwortete mit wunderlicher Stimme: "Brot."

Doch seine Mutter, anders als der Rest der Leute, ging nicht mit ihnen zum Tanz. Zwar freute sie sich über alles Krumme, das ihr Sohn im Guten unternahm, doch damit verschwand in jenen Tagen jener harte, fast erschreckte Ausdruck nicht aus ihren Augen, der am Bild seines Vaters klebte, das die ganze Zeit über ihrem Bett hing. Vielleicht war es nicht wirklicher Hass, und wenn schon wusste Frau Galzan, dass jener Schurke gut daran getan hatte, aus dem Haus zu fliehen, bevor sein Sohn gelernt hatte, mit seiner Nase Berge auszureissen. Ja, als sie in jenen Nächten erfuhr, dass die versteckte Hand des Kranken in den Strassen der Askenasen Laternen zerschlagen hatte, fragte sie nicht wie der Rest der Leute nach dem Namen es Wunderlichen. Sie wusste, dass das Kind zu Grossem bestimmt war.

Damit, auch als er grösser wurde, verschwand jener erschreckte Ausdruck nicht aus seinen Augen, auch wenn sie schon das Bild seines Vaters über ihrem Bett entfernt hatte, flüsterten jene Schlangen noch aus seinen Pupillen. "Wieso schweigst du die ganze Zeit?", hörte sie nicht auf zu fragen, und ihr Sohn legte wie ein Pfau die Stirn in Falten, beruhigte sie ohne zu zögern. "Heue habe ich bei den Askenasen Fensterläden zertrümmert."

Bald begannen die Verzweiflungsschreie auch von den Araberdörfern aufzusteigen, und als an jenen Tagen die Polizisten ins Quartier kamen und nach dem Lamm fragten, das aus der Herde des Abu Hamid gestohlen worden war, gab es für die Leute keinen Zweifel mehr, wen man als erstes besuchen musste, um ihm die Leviten zu lesen. "Jetzt muss das Kind nur noch die Engländer aus dem Land vertreiben", resümierte auch der alte Mari Sad spöttisch.

So beruhigte sich der Sturm tröpfchenweise. Der Vater des Jungen wurde von den Leuten vergessen, wie es auch schien, dass er vom Jungen vergessen wurde. Sein Gesicht verlor langsam seine erschreckende Entschlossenheit und manchmal schwur gar jemand, er habe ein kleines Lächeln von seinen Lippen aufsteigen sehen. "Wohl dir", begannen die Frauen in jenen Tagen Frau Galzan zu beglückwünschen, "jetzt muss man dem Jungen nur noch eine Braut suchen."

Noch in derselben Woche eilte sie ins Haus des Schadchan Zaram und fragte nach einer Braut für ihren Sohn. Der Schadchan Zaram, der zu jeder Stunde an seinem Tisch am Speisen war, beeilte sich nicht, ihr Wasser aus dem Felsen zu schlagen. Erst rief er seine Frau zu Hilfe, und nachdem sie einen Laib Brot in seine Kehle gestopft hatten, leerten sie noch eine Schüssel Linsen in ihren Bauch. Erst kurz vor Mitternacht, als sie sich vor Ohnmacht schüttelte, wandte sich jener Schadchan ihr zu und steckte die Flasche auch in ihren Mund. "Jetzt, Frau Galzan, bis du vom Blut der Reben genommen hasst, habe ich wirklich Verborgenes für dich." Und noch bevor sie die Flasche aus ihrer Kehle speien konnte, fügte er von seinem Beobachterposten aus an: "die dicke Tochter des Schlächters Kuvschi."

Bei ihrer Heimkehr war sie schon bereit, dem Schadchan den Kopf abzuschlagen. Wäre es doch so, wäre jene zweifelhafte Braut bloss dick, könnte man sich damit abfinden. Doch da sie korpulent war, wenn nicht gar von denselben Bergen von Fleisch, die sie von ihrer Mutter (geerbt) hatte, hatte sie auch bei ihrem Vater einen nicht unbeträchtlichen Schatz gefunden: einen Schnurrbart. Nein, antwortete Frau Galzan und verfluchte jenen Schurken innerlich, diesmal wirfst du meinen Jungen nicht als Beute vor seine Zähne. Es genügt, dass das Kind Waise ist, kamen ihr die Worte des alten Mari Sad in den Sinn, und noch in der selben Nacht ging sie zum Haus der Familie Saulov und kam nicht heraus, bevor jener Holzhändler wirklich einverstanden war. Als sie das Haus schliesslich verliess, waren ihre Füsse leicht. "Jetzt bist du reich", küsste sie ihren Sohn.

5

Erregte Stimmen einer Frau weckten sie aus ihren Gedanken. Wie immer wusste sie, dass es wieder Frau Katanov war, die am Fenster ihres Hauses stand und wie eine Verrückte zu ihr hinüberschrie, doch an jenem Morgen konnte sie nicht einmal den Anblick des Gesichts einer Fliege ertragen, erst recht nicht das Gackern jenes Huhns. - "Was gibt's?" öffnete sie ihr Fenster einen bedrohlichen Spalt weit. "Schau, Schnee."

Beim Vater ihres Vaters. "Wer sagt das?" - "Herr Katanov." - "fruchtbarer Josef ", lobte sie voller Abscheu dessen Weisheit, "sicher sagt er auch, dass morgen Mittwoch sei." - "Wie weisst du das?" - "Grosser Gott!" - "Aber ich habe das Fenster nicht deswegen geöffnet." Jetzt kam sicher, wie immer, eine Katastrophe. Sicher bot sie ihrem Sohn jenen Abfall von Knochen an, den ihr Mann auf dem Teller übriggelassen hatte. "Man hört." - "Sei nur nicht zornig, Frau Galzan, heute liess Her Katanov wieder einmal einen Knochen auf dem Teller übrig." - "Und das Huhn?" - "Was kann man tun, er ist hungrig." - "Es ist nicht nötig." - "Dann vielleicht etwas Reis?" - "Besser noch schweigst du." - "Wie sollst du dann wissen, was der Herr Katanov sonst noch sagte?" Diesmal übertraf sich zweifellos sogar Gott. "Sprich." - "Unsere Katze, du erinnerst dich sicher, ist wieder einmal nicht nach Hause gekommen." - "Sie hat sicher eine Maus gefunden." - "Um Gottes willen, unsere Katze isst wie die Askenasen nur Fisch." - "Und Küchenschaben?" - "Am Sabbat." - "Wohl bekomm's." - "Also, wenn du sie siehst, bring sie zu mir nach Hause." - "Mit dem Auto", versicherte sie, bevor sie das Fenster vor ihr zuschlug.

6

Noch war der Giftbecher nicht voll. Jetzt sandte sie schon ihren Mann mit Mülltellern. Und er, dieser Ashmedai, lieber tausend Askenasen als diesen Bösewicht, wo er auch auftauchte, hinterliess er verbrannte Erde. Wie an jenem Tag, als er zu ihr kam und die ganze Schüssel Brei in seinen Bauch schlang. Als das erste Klopfen an der Tür ertönte, bat sie Gott inbrünstig, er möge doch einen Spalt in der Erde für sie öffnen. "Es ist niemand zuhause", rief sie. "Versteck dich gut", bat die Stimme jenseits der Tür eindringlich. Möge er verbrennen.

Als sie die Tür öffnete, war sie nicht überrascht über Menasse Katanov, der mit einem Bastkorb im Türrahmen stand. "Was ist das?" bemerkte sie mit Abscheu. "Etwas Essen für den Jungen." - "Aber ich..." - "Jaja, ich weiss", zögerte jener freundlich, "aber sie, meine Frau, wird mich zuhause nicht hereinlassen, bevor der Topf leer ist." - "Es gibt draussen einen Abfalleimer." - "Um Gottes Willen", er berührte ihren Arm, "ich habe dir, und dass du es meiner Frau nicht sagst, auch ein Stück Huhn in den Topf gelegt." - "Viel?" - "Versuch." - "Nun gut, komm herein."

Menasse Katanov, der im Unterschied zu seiner Frau fleischarm oder gar eingeschrumpft war, und hätte sich jener mächtige Räuberbauch nicht täglich mit weit geöffnetem Rachen zwischen seinen Beinen bemerkbar gemacht, hätte man bei seiner Gesundheit argwöhnen müssen, er stamme wie die Mäuse aus Löchern. Anfangs fürchtete sich Frau Galzan nicht vor dem Kommenden und wies dem Gast bereitwillig hinein, doch auf einmal verdunkelten sich ihre Augen. Auf der Kommode gewahrte sie mit Schrecken die vergessene Keksdose. Auch ein Zuckerglas schrie von dort um Hilfe. Jetzt, da dieser Räuber die Augen auf sie warf, wie konnte sie diese seinem Raubtiergebiss entreissen? Doch dann, als dieser "Bauchträger" sich über den Korb beugte, riss sie ihre ganze Geistesgegenwart zusammen, stürzte sich schnell auf die Dose und das unglückselige Glas und warf die beiden in den hohen Kleiderberg.

Erst jetzt. Dank sei Gott, der seine Gnade vor seiner Magd nicht verbirgt, wandte sie sich wieder dem Gast zu. "Warum kehrst du nicht zurück?", erhellte sich ihr Gesicht. "Erst die Gesundheit", er gab ihr den Topf in die Hand, "riech mal." - "Du sollst viele Gebote erfüllen", spie sie voller Abscheu aus, und als er sich freute, das sie nicht einen Krümel auf dem Boden gelassen hatte, stellte er den Topf auf den Tisch. "Man sagt, es wird auch an Purim schneien", blinzelte er traurig zur Fensterscheibe hin. "Wer sagt das?" - "Frau Katanov." - "eine tüchtige Frau", beglückwünschte sie ihn., "warum teilst du ihr nicht mit, dass er auch ein wenig Brot schneien soll?" - "Ausgerechnet. Mit viel Bohnen", stimmte er ihr zu, "aber bis das Essen kommt, warum machst du nicht den Ofen an?" - "Und Öl, von wo?" amüsierte sie sich über ihn. "Wie alle", überraschte er sie mit seiner Gelehrsamkeit, "vom Eimer." - "Da, schau", klagte sie über sich selbst, "es ist nichts übrig." - "Warum hast du nichts gesagt", tadelte er sie mitleidig, "ich werde Frau Katanov sofort sagen, sie solle dir ein wenig bringen." - "um Gotte Willen", drohte sie mit ihrer Stimme, "du hast genug Abfall gebracht."

"Vielleicht." Er nickte ihr zu. "Aber du, Frau Galzan, warum schreist du die ganze Zeit?" - "Was willst du dann, das ich tu?" Sie wies mit dem Kopf zum Bett ihres Sohnes. - "Alle im Quartier haben Mitleid mit ihm." - "Warum öffnen sie seiner Bastardin dann nicht den Kopf?!" - "Du hast sie zur Chuppa beglückwünscht." - "Woher hätte ich wissen können, dass sie eine Hexe ist." - "Eine keusche Jungfrau", erinnert er sie heimlich. - "Jetzt erzählst du sicher, dass sie auch reich ist." - "Ihr Vater, sagt man, ist ein anständiger Kaufmann." - "Schau, wie er meinen Armen aus dem Haus geworfen hat. Ohne Schuhe." - "Deswegen, Frau Galzan, habe ich deinem Sohn auch ein wenig Marmelade gebracht." Er zog langsam das Glas aus dem Korb. -"Aah" - "Quittenmarmelade, das mag dein Sohn." - "Woher weisst du das?", plötzlich erwachte ihr Argwohn. - "Frau Katanov hat es gesagt", beruhigte er sie schnell, "und ausserdem mach dir keine Sorgen, sind die Quitten von ausgezeichneter Qualität. Sie hat eine halbe Unze bei der Frau des Schusters Josha geholt." - "Jene Elende?" - "Was kann man tun, Frau Galzan,, diese sieben Töchter sind wirklich eine grosse Schande." - "Warum nimmt er dann nicht eine andere Frau?" - "Es würde nichts nützen", kicherte er mitleidig, "alles geht nach dem Schnürchen. Und er, dein Sohn", lenkte er sie schnell von seinem Lachen ab, "wie geht es ihm?" - "Schau ihn an." - "Schweigt er?" - "Er atmet nicht einmal." - "Und die Ärzte?" - "Alles Schurken, sie waren hier" - "Was haben sie gesagt?" - "Sie haben nur Kaffee getrunken." - "Also vielleicht ein englischer Arzt?" - Gott behüte, die sind Bastarde. Die trinken auch Kakao." - "Ja, es sind schwere Tage." Er blickte auf seine beiden Hände. Da er darin aber nichts fand, setzte er seine Hoffnung auf die Küche: "Warum setzen wir uns nicht ein wenig dorthin?" - "Auch dort ist es kalt", sie versperrte voller Sorge den Weg. "Wir werden uns mit ein wenig Kaffee aufwärmen." - "Der Zucker ist gerade alle." - "Ich trinke mit Dattel." - "Auch die ist gerade alle." - "Dann mischen wir Marmelade darunter", er klopfte liebevoll ans Glas in seiner Hand und setzte sich mit ihr in die Küche. Dort blickte er auf den Wassertopf auf dem Petroleumkocher. Ihm entging keine besorgte Bewegung ihres Kinns. Er zog langsam ein zerschlissenes Taschentuch aus der Tasche und steckte es erstaunenswerterweise, ohne die Nase zu putzen, wieder zurück.

"Jetzt, Frau Galzan, weshalb ich gekommen bin, vielleicht ist es schon an der Zeit, dass du weisst, weswegen ich gekommen bin." - Sicher jener Müll", blinzelte sie zum Marmeladeglas. - "Vielleicht, und trotzdem, und allein, dass du dich nicht aufregst, habe ich dir einige Worte von ihnen gebracht." - Diese Schurken." - "Und auch das Mädchen, wenn du bloss wüsstest. Die ganze Zeit fragt es nach dem Jungen." - "Besser schwiege sie." - "Und sie, die Bemitleidenswerte, nun wissen auch die Ärzte nicht, was mit ihr zu tun." - "Krank?", vor Erstaunen versprach sie sich beinahe. - "Sehr." - "Stirbt sie?" - "Mehr noch", er klopfte mit seinem Finger an die Stirn, "man sagt, so eine Krankheit im Kopf. Und auch die Marmelade, Frau Galzan, warum noch weiter lügen, das Mädchen hat sie für ihn gekocht." - "Ah?!" - "Sie hat gesagt, er hätte immer nur Quitten gemocht." - "Aber sie..." - "Ja, Frau Galzan", bemerkte er traurig, "das Mädchen will ihn immer noch."

Der Schnee türmte sich weiter auf dem Fensterbrett, doch diesmal verspritzte Frau Galzan ihren Zorn nicht über ihn. Sie nahm den Wasserkocher vom Feuer, und als ihre schmerzenden Augen das Marmeladeglas trafen, war sie schon gefasst auf alle Katastrophen. "Plötzlich habe ich Zucker gefunden", beklagte sie ihr Unglück. - "Wenn du gut suchst, findest du sicher auch ein Stück Kuchen." - "Mit einiger Mühe Kekse", wieder verhaspelte sie sich.

Lange schluckten die beiden Kaffee, und während der ganzen Zeit betete Frau Galzan, Feuer möge vom Himmel kommen und die verbrecherische Hand verbrennen, die sich an der unglücklichen Keksdose verging. "Wie ich heute zu dir kam, war ich auch bei deinem Weisen.", eröffnete er gutgelaunt. - "Mari Sad?" - "Ein sehr weiser Mann." - "Weswegen bist du zu ihm gegangen?" - "Du weisst es doch." - "Wieder das Mädchen?" - "Und er..." - "Er hat dich sicher aus dem Haus gewiesen." - "Eben nicht. Er hat mir sogar, wie du, einen Keks angeboten." - "Was hat er gesagt?" - "Wie alle Weisen, kaum ein Sprichwort." - "Sicher über jene Schurken." - "Nein. Über die Jemeniten." - "Mein Junge?", erschrak sie. - "Wie ich gesagt habe, ein sehr weiser Mann."


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Etgar Keret: Alissa

An meinem achtzehnten Geburtstag nahm mich mein Bruder zur Prostituierten. "Wenn du nicht selbst was für dich tust", sagte er, "bleibst du das ganze Leben jungfräulich." Wir nahmen Vaters Auto und fuhren zum Nuttenstrand. Auf dem ganzen Weg sang er Gassenlieder und gab mir Ratschläge, die mit der Erfahrung kämen. Er war noch hässlicher als ich, mein Bruder, sein ganzes Gesicht war fettig und voller weisser Pickelköpfchen. Kein einziger Pickel war noch zu. Auch sein erstes Mal sei mit einer Prostituierten gewesen, sagte er. Am Tag seiner Einberufung (ins Militär) sei er mit ein paar Kumpels zum Nuttenstrand gefahren, er habe beschlossen, dass dies keine Sache sei." Nach einem einzigen Beischlaf erscheint dir die Welt plötzlich anders", sagte er und überholte fröhlich einen Kehrrichtabfuhrwagen. "Nimm mich als Beispiel", er lächelte seinem Spiegelbild zu, das aus dem linken Autorückspiegel zurücklächelte und kratzte mit dem Finger ein Häutchen eines Kerns weg, das ihm am vorderen Zahn klebte, "nimm mich als Beispiel..."

Mein Bruder hielt am Strand und gab mir 300 Shekel ("Es kostet weniger, aber damit du was in der Tasche hast, was sicheres."). Ein Kondom. Er gab mir noch einige allerletzte Ratschläge und wollte anschliessend, dass ich sie wiederhole, um sicher zu sein, dass ich sie alle gehört hatte. Als ich aus dem Auto stieg, zitterten meine Beine. Ich konnte vor Erregung nur mit Mühe stehen. Aber irgendwie schaffte ich es, die Böschung hinunterzugehen, die zum Strand führte. Der Sand des Strandes fühlte sich unter meinen Füssen tief an, ich fürchtete, nicht genügend Kraft zu haben, um meine Füsse daraus herauszuziehen, nicht einmal, es zu versuchen. Ich blieb am Ort stecken. Das Meer hörte sich so lärmig und nervös an, dass ich fürchtete, es würde mich verschlingen. "Hast du Feuer?" hörte ich eine feine Stimme neben mir flüstern. Ich versuchte mich umzudrehen, aber meine Gummibeine weigerten sich und ich fiel in den Sand. "Bist du o.k.?" fragte die Stimme wieder und eine dickliche Hand voller klingender Armringe half mir aufzustehen. Die Hand half mir, meine Kleider vom Sand zu reinigen. Und mir war es fürchterlich unangenehm, weil es mir die ganze Zeit stand und ich fürchtete, sie würde es bemerken. Schliesslich schaffte ich es, den Blick vom Sand zu heben und sie anzuschauen. Sie hatte ein schönes Gesicht, meine Prostituierte, etwas dicklich, aber sehr schön. Ihre grossen grünen Augen schauten mich direkt an. "Entschuldige", sagte ich, "ich habe kein Feuer, ich rauche nicht." - "Ach, das ist o.k.", lachte sie, "auch ich nicht, ich mach das nur, um das Eis zu brechen." Sie kam noch einen Schritt näher und richtete meinen Hemdkragen.

Mein Bruder hatte mir erklärt, dass Prostituierte immer wollten, dass du schnell fertig bist, weil sie immer weitere Klienten erwarten. Aber sie war überhaupt nicht so, nachdem alles fertig war, küsste und umarmte sie mich weiter und sprach mit mir, wie wenn sie nirgendwohin eilte und ich der einzige auf der Welt sei. Aliza erzählte mir ein wenig von ihren Eltern. Ihr Vater war Matrose, ihre Mutter Hausfrau. Ihr Vater brüstete sich immer, dass sein Vater Käptn auf einem berühmten Schiff gewesen sei, das im Meer versunken sei, aber am Hafen glaubte ihm keiner. Aliza schon, denn in ihrer Familie gab es eine Tradition von verwirrten Männern. Sie war fürchterlich nett und schlug mir vor, hier zusammen zu liegen und auf den Sonnenaufgang zu warten. Sie erzählte, dass die Sonnenaufgänge an diesem Strand die schönste Sache der Welt seien. Aber plötzlich schreckte mich eine Autohupe auf. "Das ist sicher mein Bruder", murmelte ich, "er erwartet mich." Plötzlich erinnerte ich mich an alles, was mein Bruder mir gesagt hatte, wie man das ... (Ding) anziehen müsste. Ich öffnete meine verschwitzte rechte Hand und darin lag das Kondom in der geschlossenen Verpackung. "Beruhige dich", flüsterte Aliza, "es wird nichts geschehen. Ich nehme die Pille." Sie zog zwei neue Hundertshekelnoten aus ihrem abgegriffenen ledernen Geldbeutel. "Du warst wunderbar." Sie drückte sie in meine verschwitzte Hand. "Renn zu ihm, damit er sich keine Sorgen macht." Ich küsste sie und versicherte, auch die nächste Woche zu kommen. Als ich oben an der Böschung ankam, drehte ich mich zu ihr um und wir winkten einander zum Abschied zu. Sie schien beschlossen zu haben, den Sonnenaufgang abzuwarten. Ein paar Dutzend Meter von mir entfernt, auf dem Gipfel einer Düne sass ein Hase, ich weiss nicht, was er im Mund hielt, von weitem sah es aus wie eine Zigarre. "Du warst spitzenklasse" zwinkerte er mir mit seinen Augen zu, und ich wurde von Stolz erfüllt. Ich eilte zum Auto, mein Bruder sass hinter dem Steuerrad und hupte. Als er mich entdeckte, stieg er aus und kam mir entgegen. "Wie lange hast du?" sagte er "ich habe mir schon Sorgen gemacht. Nu, hast du Beischlaf gemacht?" Aliza sagt, es sei nicht schön, 'Beischlaf' zu sagen. Man müsse sagen 'Mitschlaf' , denn dies sei etwas, was man mit jemandem mache, nicht bei jemandem. Ich nickte. "Mannskerl!" Er klopfte mir auf die Schulter und öffnete mir mit grossem Tamtam die Tür zum Führersitz. "Von heute an darf niemand mehr Kind zu dir sagen." Und ich fuhr uns nach Hause. Im Radio interviewten sie einen Mann, der den Ärmelkanal im Rückencrowl überquert hatte, um für den Weltfrieden Geld zu sammeln. Und ich dachte im Stillen, wie mein Bruder recht gehabt hatte, und wie, nachdem du einmal mit jemandem geschlafen hast, die ganze Welt plötzlich anders scheint.


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Sayon Liebrecht: Su'ad

In jenem Sommer war das Dorf voller Leben. An den Wegrändern blühten wilde Sonnenblumen und in den Höfen verflochten sich Wassermelonensprosse und eroberten gar den Rasen. Acht Babies wurden zwischen Pessach und Lag baOmer geboren, und in den Feldern fanden sich nicht genügend Hände, um die Tomaten zu ernten. Mehr als alles verwilderte die Pfirsichernte: dicht, über Nacht gereift, drückten die Zweige in grossen Bögen darnieder, die Pfirsiche fielen und türmten sich auf der Erde, ohne gepflückt zu werden, zeichneten rund und rosa die Pflanzgruben der Bäume ab.

Eines Abends ging Motke in die Plantage und hörte die verdorbenen Früchte mit dumpfem Schlag fallen. Am selben Abend ging er zu seinen Brüdern und zu seinem Schwager, alle Plantagenbesitzer, und überzeugte sie, ihren Stolz zu schlucken und die Regel zu brechen, die beduinische Arbeiter wegen des Streits auf dem Boden verbot. Sein ältester Bruder liess das Obst lieber verfaulen als sich vor den Beduinen zu erniedrigen. Der Rest einigte sich darauf, im Turnus den Transport zu teilen.

Am nächsten Tag vor Tagesanbruch steckte Motke einen Revolver unter den Führersitz und ging jenseits der Anhöhe beduinische Arbeiter holen. Er kehrte mit siebzehn Männern und sieben Frauen zurück, die zusammengedrängt wie Vieh, gemeinsam rhythmisch im hinteren Teil des Lastwagens schwankend. Erst wurden die Männer ausgewählt. Von den Frauen wurden fünf für die Arbeit genommen. Die beiden übriggebliebenen standen abseits, an die Lastwagenseite gelehnt, warteten verlegen wie Frauen, die an einem Ball nicht zum Tanz aufgefordert worden waren. Nach kurzem Zögern wurde auch die dickere der beiden Frauen ausgewählt. Die dünnere Junge, die sich als Hinkerin herausstellte, wollte niemand beschäftigen und Motke musste zugeben, dass sie die Arbeit auf der Plantage nicht schaffte. Er winkte ihr, auf den Wagen zu steigen, erinnerte sich besorgt, dass er nachgab, als sie seine Hand wegstiess und geschickt auf den Lastwagen kletterte. Jetzt sah er sie im Spiegel vor sich das Holzgeländer festhalten, sie bewegte ihren Oberschenkel in seltsamer Weise, schaukelte, als der Lastwagen über die Löcher schwankte.

Wenn sie schon nicht zur Auswahl gehörte - schon bedauerte er die Verschwendung - nähme er sie nach Hause, damit seine Frau irgend eine Beschäftigung für sie fände. Doch vorher wollte er ihr einen andern Ort finden - spontan kam ihm der krumme Simson in den Sinn, der sich nicht weigern und nicht diskutieren oder feilschen konnte, mit dem die Menschen des Ortes seit seiner Kindheit wegen der Behinderung des Halsmuskels üble Scherze trieben, der ihn zur Seite zog, als wäre sein Ohr ständig für Stimmen offen, die aus seiner Schulter brachen. Sofort steuerte Motke den Lastwagen zum Weg, der zu Simsons Hof führte.

Bei der Ankunft schielte er wieder zum Spiegel und sah sie dastehen, den Kopf neugierig zurückwerfend. Die ganze Zeit, während er sie anblickte, nahm er seine Hand nicht von der Hupe des Lastwagens, bis Simson völlig verschreckt aus dem Schuppen strauchelte, sein krummer Hals berührte beinahe seine Schulter und beide Hände bedeckten seine Augen. Mit aufgeregtem Gesicht hörte Simson den Grund von Motkes Kommen und war erst beruhigt, als er realisierte, dass sein Kommen nicht mit dem Unglück zusammenhing, das seinem Bruder Moshe geschah, der ins Gefängnis gesteckt worden war. "Ich habe dich erschreckt, wie?", freute sich Motke. "Fürchterlich", Simson bedeckte sein Gesicht in kindlicher Manier mit beiden Handflächen. "du hast gedacht, wer weiss was passiert ist?" - "Ja", die Hände rutschten herab und rückten zusammen und seine zehn Finger zeichneten eine Linie unter den Augen. "Was erschreckt dich denn so?" für einen kurzen Moment rührte Motke die Naivität des Mannes mit den aufgerissenen Augen. "Ich weiss nicht", Simsons Schulter hob sich und berührte sein Ohr. "Als ich sie sah, dachte ich, dass sie für Arbeiten bei dir passt", schon schwand Motkes Grosszügigkeit, "deine Abfälle füllen den ganzen Hof. Sie wird dir helfen, Ordnung zu machen." - "Gut." - "Was sagst du dazu, dass ich so oft an dich denke?" Motke konnte nicht auf Spiel verzichten. "Vielen Dank", in Simsons Stimme war Erregung erkennbar. "Dann nimm sie, yalla." Motke machte der jungen Frau ein Zeichen, auszusteigen.

Simson warf ihr einen Blick zu und senkte rasch seine Augen wieder. Er nickte, als er den Preis hörte, der für sie festgelegt war, und ging in den Hof zurück noch bevor sie vom Lastwagen gestiegen war. Selten hatte er bezahlte Hilfe gesucht und noch nie hatte er eine Frau beschäftigt. Jetzt stand er mitten im Hof, schaute sich um und überlegte, ob es sich empfahl, dass er ihr erlaubte, die Pflaumen und Äpfel zu pflücken, die noch nicht gefallen waren, oder den Hundeschuppen zu putzen, der unter den Brettern versank, oder aber das wuchernde Unkrauts auszureissen. Keine dieser Arbeiten schien ihm zu einer Frau zu passen.

Sie stand einige Zeit hinter ihm, und da sich sein Zögern in die Länge zog, fürchtete sie, dass er im nächsten Moment bereuen würde, stellte sich vor ihm auf und sagte: "Herr, man muss all diese Bretter zusammen an einen Ort hinlegen", und zeigte mit weiter Handbewegung über den Hof. "In Ordnung", sagte er sofort erleichtert, ganz zerquetscht vom Herr aus ihrem Mund, und seine Augen tragen die ihrem und sahen dass sie sehr klar waren, hellblau wie Disteln, und die schwarzen Pupillen waren scharf wie die Pupillen eines Tieres, das er einst auf einem Bild gesehen hatte.

Er kehrte zum Schuppen in der Tiefe des Hofes zurück, dort war er mit dem Aufräumen der Arbeitswerkzeuge beschäftigt gewesen, bevor Motke gekommen war. Jetzt arbeitete er weiter, doch er konnte sich nicht mehr auf seine vorherige Arbeit konzentrieren. Von Zeit zu Zeit Moment ging er zum Eingang des Gebäudes, seine Augen wurden gezogen, sie anzusehen, er blickte kurz und sah sie arbeiten, die Ränder ihres Rockes waren um ihre Unterschenkel gebunden, damit sie nicht im Weg waren, der Stoff war straff über ich Gesäss und die hinteren Teile ihrer Oberschenkel gespannt und vorne war gar ein Stoffknoten hineingesteckt, der mit ihren Bewegungen hin und herwippte. Das war recht seltsam und ungehörig bei einer Frau, deren Hinterteil sich klar abzeichnete und wie ein Körperteil eines Riesen zwischen ihren Knien hängte, und Simson blickte sie verlegen und erregt an, wie ein Junge, der weiss, dass er Verbotenes anstarrt.

Sie arbeitete fleissig, bewegte sich pausenlos leicht hinkend im Hof umher, ging am Hund vorbei, der an einen der Bäume gebunden war, stampfte mit ihrem guten Fuss gegen ihn, als er vor ihr die Zähne entblösste, zog Äste und Bretter aus allen Ecken des Hofes und stapelte sie neben der Hundehütte auf. Simson folgte ihr staunend, dachte, dass sie sehr jung sei, fast noch ein Mädchen, vielleicht - er fühlte sich betrogen - er erinnerte sich an den lausbübischen Unterton in Motkes Stimme - vielleicht hatte er einen Fehler gemacht, als er einverstanden gewesen war, sie zu dem Preis in Arbeit zu nehmen, den er vor zwei Monaten für einen Mann bezahlt hatte. Und vielleicht - erschrak er plötzlich - vielleicht verletzte sie sich oder wurde gebissen oder von einer Schlange gebissen und ihre Eltern kamen und machten ein Theater, er war wütend über sich selbst, dass er nicht fähig gewesen war, sich zu weigern. Sie fühlte seinen Blick und wandte sich ihm zu, ihre beiden Arme zur Bretterbeige über ihrer Schulter erhoben, und der Stoffknoten vor ihr klebte im Zwischenraum ihrer gespreizter Beine. "Brauchen Sie die Bretter?" kreischte sie mit hoher, dünner Stimme.

Er war verlegen, dass sie ihn ertappt hatte, wie er sie anblickte, als ob sie seine abwegigen Gedanken lese, oder als ob sie entdeckte, dass er ihr nachspionierte, und er antwortete nicht sofort, damit beschäftigt, seinen Speichel hinunterzuschlucken, unsicher, ob er ihre Frage verstanden habe, und sie erhöhte ihre Stimme noch mehr: "Vielleicht verbrennt man die Bretter jetzt, mein Herr?" - "In Ordnung", die Stimme blieb ihm im Hals stecken, und er nickte heftig, damit sie seine Antwort in der Entfernung sehe.

Eingenommen vom Gedanken, was geschehen würde, wenn ein Funke ihr Kleid in Brand stecken würde, wenn sie ins Feuer straucheln würde, wenn sich der Hund von der Kette losreissen und sie anfallen würde, wenn sie sich an einem rostigen Nagel verletzte, bereute er schon das Ganze, wurde wieder wütend über Motke, dachte, dass er seine Sachen nicht in Ruhe in Ordnung bringe könne, wenn sie nicht zu ihm gebracht worden wäre und ihm nicht den Kopf verwirren würde. Bangend und besorgt sah er, wie sie sich ihm näherte, er wusste, dass er selten ein warnendes Wort hören liess, doch bevor er es schaffte, ein Wort auszusprechen, stand sie schon vor ihm, hob die Hand und sagte: "Es braucht auch Benzin und Streichhölzer." - "Aber...", sagte er. "Geht in Ordnung", sie klopfte sich mit der freien Hand an die Brust, "ich kann Feuer machen. Es wird kein Chaos geben."

Ihre Stimme trug, wenn sie nicht kreischte wie zuvor, einen hellen Ton, als hätte sie seine Bedenken gelesen, und ihre blauen Augen erstaunten ihn wieder. Er reichte ihr die Streichholzschachtel, sie streckte ihm die Hand entgegen, all ihre Finger gestreckt, und erlaubte ihm, die streichholzschachtel in ihre Hand fallenzulassen, ohne dass er sie berührte.

"Der ist schwer", er streckte die Hand aus, den Benzintank heranzuziehen, "ich werde ihn schleppen." - "Ich kann gut tragen", ihre Hände folgten seiner Hand, ergriffen die Henkel des Tanks, hoben ihn und hoben ihn auf den Kopf, und er blickte ihr verwundert nach, als sie eine Hand ausstreckte, an ihren Oberschenkel fasste, und auf die Holzbeige zusteeuerte, den Stoffknoten zitternd vor ihr.

Nachdem er den Finger mit dem Hammer verletzt, unnötigerweise einen Nagel in die Schuppenwand eingeschlagen, das Werkzeug verloren und nicht mehr gefunden hatte, hielt er einen Moment lang inne, begriff, dass er zu aufgeregt war und dass die Arbeit, die er für den Tag für sich geplant hatte, nicht getan war. Er blickte kurz zu ihr und sah, wie sie das brennbare Material schön aufgeschichtet hatte, wie sie trockenen Riesig, Dornen und Dachbalken auf den Boden und darüber Bretter und Holzblöcke legte, eine kleine Mauer aus Sand errichtete, um das Feuer aufzuhalten, von der Windseite wegging und das Ende eines Strohbündels (in den Haufen) stiess, sich bückte und die kippte Öffnung des Benzintanks, die Flüssigkeit vorsichtig in einem dünnen Strahl ausschüttete und danach mit der ausgestreckten Hand ein Streichholz ansteckte und in die Mitte des Strohbündels warf, wie sie prüfte, wie es Feuer fing, zusah, wie die Flamme mit dem Wind aufstieg, die Dornen im Innern des Scheiterhaufens packte, dann einen Schritt zurücktrat und dastand, die Hand in der Hüfte und das Feuer überwachte.

Simson stand da und schaute sie verzaubert an, spürte ihre innere Ruhe, die innere Ruhe eines Menschen, der weiss, was er tut, und sein Herz sagte ihm, so jung und dünn sie auch ist, sie kann auf das Feuer aufpassen. Er senkte seine Augen zu Boden und fand das Werkzeug, das er verloren geglaubt hatte und trat wieder in den Schuppen. Er vertiefte sich ins Aufräumen der Werkzeuge und spürte nicht mehr, wie die Zeit verrann, und als er auf seine Uhr blickte, stellte er fest, dass schon mehr als drei Stunden vergangen waren, erinnerte sich an die Beduinin und dachte, dass es angebracht sei, ihr etwas zu Essen anzubieten.

Als er in den Hof hinaustrat, fand er einen andern Ort vor: das Feuer knisterte noch mit niederen Flammen und ein Rauchstreifen kringelte sich und drängte zu den Zypressen. Der ganze Hof war von Brettern aufgeräumt und sauber, und der Hund war schon an seiner Hütte angebunden. Am Mäuerchen waren schon die Badetücher, Hemden und Weisswäsche zum Trocknen aufgehängt. Er sah seine Unterwäsche darunter, sichtbar für alle Augen, und war sehr beschämt. Plötzlich sah er sie im Küchenfenster, ihre Hände schüttelten einen Lumpen aus und verschwanden. Er ging zur Küche, fand sie auf den Knien den Boden scheuern, dort, wo sonst der Kühlschrank stand, den sie zur Seite geschoben hatte. Auf dem Tisch türmten sich Pfannen, die jahrelang im Schrank gestanden hatten und jetzt vor lauter Polieren glänzten.

Völlig verwirrt erinnerte er sich an den Anblick seiner trocknenden Unterwäsche auf dem Mäuerchen, sah wie angenehm ihr Hinterteil war, rund wie en riesiger Apfel, während sie ihre Hände schwungvoll nach links und rechts führte. Wieder fühlte sie seine Blicke, wandte ihren Kopf zu ihm, sah ihn über ihr stehen und sagte ganz einfach, als ob dies zwischen ihnen ein geläufiger Satz sei: "du musst jetzt essen."

In der Woche nach jenem Tag und noch viele Jahre danach, als sie Teil seines Lebens, Teil seines Fleisches war, erinnerte er sich wieder an diesen Moment, in dem das erste Zeichen gefallen war, (das) Jahrzehnte seiner Einsamkeit durchbrochen hatte, der Klang der Stimme seiner Mutter, als er noch ein Kind war, ertönte. Es war zu sehen, dass sie etwas in seinen Augen erkannte und sich aufrichtete, und darin richtete sie auch den Stoffknoten auf, der vorne in ihr Kleid gesteckt war. Sie spannte ihre Hände über ihre Hüfte und ihre Stimme wurde festlich: "Ich ... mein Name ist Su'ad", sagte sie, als ob es sich erst jetzt empfahl, ihren Namen zu wissen. "Su'ad?" er kostete den Namen, liess ihn leicht auf seiner Zunge rutschen, hielt ihn in seinem Mund zurück. "Und wie heisst du?" fragte sie, als er zögerte. "Ich bin Simson." Die hellblauen Augen blitzten, die Pupille strahlte darin und er erinnerte sich an eine (Brief) Marke, die er einst gesehen hatte, auf der ein blauäugiger Vogel gewesen war, und er hörte sie sagen: "dann bin ich vielleicht Delila."

Er war einen Moment lang erstaunt, erinnerte sich an das erschreckte Beben, das in die Stimme seiner Mutter drang, wenn sie ihm wieder und wieder die fürchterliche Geschichte von Simson und Delila erzählt hatte, als wäre sie von ihr besessen, doch je mehr sie sie ihm erzählte, desto mehr reinigte sie sich vom Grauen, das sie ihr bereitet hatte. Die beiden sassen verkrampft, als die Schilderung der Haarschur kam, die den Wechsel bei Simson bewirkt hatte, und der Junge Simson war, als stände er selbst unvermeidlich vor der Misshandlung, hielt den Atem an wie damals, als seine Mutter sich bei der Schilderung des Messerblitzes aufhielt, der im Dunkel blinkte.

Jetzt hörte er den Klang des Namens, der von Su'ads Mund kam, und er war langgezogen und tonal, als beabsichtigte sie, ihn mit dem beruhigenden Ton ihrer Stimme zu verwirren, nachdem sie zwischen sich und jener grausamen Frau eine Verbindung gezogen hatte, als sie gesagt hatte: "dann bin ich vielleicht Delila." - und er wusste sofort, dass sie eine Gefahr für ihn war, dass er ihr gegenüber all seine Kräfte mobilisieren musste.

"Geht es dir gut, Simson?" trillerte sein Name in ihrem Mund, brachte sie plötzlich seine Sicherheitsmauer zum Einsturz. "Ja", gab er nach einem Moment nach, als er die Furcht in ihrer Stimme erkannte. "Du musst essen, Simson", sagte sie wieder. "Ich bin gekommen", stammelte er, er sorgte sich plötzlich, wie sie sein Kommen interpretieren würde, "ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du essen kannst." Er hob seine Hände, um ihr zu veranschaulichen, dass die ganze Küche ihre Herrschaft sei, "von allem, was du findest."

"Es ist nichts zu finden." Sie tönte, als ob sie sich für den Zustand seiner Küche entschuldigte, "aber ich hab dir eine Suppe gemacht." - "Eine Suppe? Woraus hast du eine Suppe gemacht?" - "Ich hab Gemüse gefunden." Sie wies mit ihrem Kinn auf ein Beet, das er seit zwei Monaten nicht mehr gepflegt hatte, und sie hob den Stuhl vom Kühlschrank, den sie umgekehrt darauf gestellt hatte, bevor sie den Boden aufgenommen hatte, sie machte einen Viertel des Tisches frei, und lud ihn mit einer Armbewegung ein, sich zu setzen. Er gehorchte ihr wie früher, als seine Mutter ihn an eben diesem Ort aufgefordert hatte, sich zum Essen zu setzen, und er blickte sie an, als sie aus dem Stoss dem Geschirrstapel einen Teller hervorzog, griff nach dem Henkel der Tasse, um den Kochlöffel hineinzustellen, füllte den Teller bis zu Rand mir Suppe und setzte sich zu ihm. Die Dampfsäule, die sich vom Teller erhob, liess Speisegeruch aufsteigen, dass ihm der Speichel im Munde zusammenlief.

Dann füllte sie ihren Teller, und sie sassen und assen, er auf dem einzigen Stuhl in der Küche und sie auf einer umgedrehten Munitionskiste, die jahrelang mit rostigen Geräten gefüllt gewesen und die sie jetzt geleert hatte, der dicke Stoffknoten ruhte zwischen ihren Beinen und der Gewebestreifen auf dem Stoff ihres Kleides spannte sich zwischen ihren Knien. Simson, der zum ersten mal in seinem Leben allein mit einer fremden Frau ass, heftete seinen Blick an den Tellerrand, schielte von Zeit zu Zeit zu ihr, und sah, wie sie hastig ass, den Blick auf dem Teller.

"Gut?" fragte er sie, als sie ihren Blick hob, als wäre er es gewesen, der die Suppe gekocht hatte. "Sosolala", sagte sie. "das Gemüse ist zu alt. Und es hat keine Petrusilia." Er brach in Lachen aus, das mit einem Schlag seinen zerknauschten Magen befreite, und sie blickte ihn misstrauisch an. "Wieso lachst du?" - "So ein lustiges Wort", entschuldigte er sich, "Petrusilia." Sein Gesicht verzog sich, als sie das Wort aussprach, er lachte wieder, sie verstand, dass sie ihn nicht ärgern wollte und lachte mit ihm, und so sassen sie beide da und lachten, bis sie mit einem Schlag still und verlegen wurden.

"Bist du schon lange Zeit allein?" fragte sie, als ob sie nach dem gemeinsamen Lachen das recht hatte, zu fragen. "Ja." - "Nach dem Stuhl", sagte sie, "was hättest du gegessen, wenn nicht Suppe?" - "Brot, ein Ei", er zog die Schultern hoch. "Brot ist nicht genug für ein ausgewachsener Mensch. Auch für ein Kind wäre es nicht genug." - "Dann vielleicht morgen..." er errötete, als ob sie um ihn geworben hätte, "vielleicht machst du morgen..." - "Möchtest du mich morgen?" ihre Augen leuchteten. "Es gibt hier noch viel zu tun", rechtfertigte er sich "Ja, viele Arbeit gibt es hier", stimmte sie ihm begeistert zu, "im Haus und draussen hat es noch viel Arbeit. Man muss die Wände machen. Man muss..." - "also vielleicht" er stand auf, um in den Schuppen zurückzukehren, versuchte, den Hinweis zu verstehen, den sie ihm zugeworfen hatte, "vielleicht auch übermorgen." - "Unbedingt, den ganzen Tag." - "Gut." - "Acht Stunden, fünfunddreissig Schekel", warnte sie mit schwerer Stimme, als bereite sie sich zum Feilschen vor. "In Ordnung", stimmte er sofort zu. "Vielen Dank für die Suppe." - "Hat sie geschmeckt?" fragte sie, um ihm ein Kompliment abzuringen.

Er fand kein Wort, um ihr die Sehnsucht nach den fernen Tagen auszudrücken, in denen er an diesem Ort sicher gewesen war, umsorgt von Mutter, Vater und Bruder, die Sehnsucht, die in ihm geschlummert hatte, die beim Geruch der Suppe, die sie angerichtet hatte, erwacht war, der Klang ihrer Stimme, als sie ganz einfach gesagt hatte: "du musst jetzt essen", die seltsame Erregung, die seinen Körper hin und hergerissen hatte, als er ihr zugesehen hatte, wie sie im Hof Feuer entfacht hatte, und als sie sich danach ihm gegenüber gesetzt hatte die Beine unter dem Stoff ihres Kleides gespreizt, das neue Gefühl, das die Welt vielleicht auch für ihn geschaffen hatte, so eine Gewissheit von Erfreulichem. "Hat sie geschmeckt?" Sie gab nicht nach. "Ja." Er steckte alles Rauschen seines Herzens in das kleine Wort.

Eine Woche später, nachdem sie sich im vorderen Zimmer selbst einen Schlafplatz einrichten und ihre Sachen dahin bringen würde, würde sie lachen, und ihre Augen würden zu einem blauen Streifen, wenn sie ihm sagte: "Wenn du mir zwanzig Schekel gesagt hättest, wäre ich auch gekommen." und er wäre erschüttert und würde ernstlich sagen, als ob ihre Ehre jetzt in seinen Händen läge und es seine Pflicht sei, eine Schmähung verteidigen: "Warum sollte ich zwanzig sagen? Du arbeitest für vierzig."

Aber noch bei dem einen Mittag, eine halbe Stunde vor dem Termin des Lastwagens, als er ihr den Lohn reichte, sagte er: "Bald kommt man dich holen. Vielleicht musst du dich noch bereitmachen." - "Ich bin bereit." Sie barg die Geldscheine in ihre Bluse, und Simson, der wie ein Kind, die Hände eines geschickten Zauberers aus der Nähe verfolgte, war erregt vom Anblick ihrer weissen Haut, die sie für einen kurzen Moment entblösste, als sie ihre Hand zwischen die Brüste steckte, sofort glitten ihre Hände zum Stoffknoten unter ihrer Hüfte, sie öffnete ihn mit einer einzigen Bewegung und wurde zur Frau. Danach zog sie das Umschlagtuch, das sie um ihre Hüften geschlungen hatte, weg und zog es über den Kopf, und ihre Augen leuchteten in blauem Licht im Rahmen des blauen Tuches.

"Bis er kommt, muss ich etwas tun." Sie packte die Hacke und begann, die Pflanzgrube um die Pflaumenbäume sorgfältig aufzulockern. Als der Lastwagen kam, waren die Männer schon auf dem Hinterteil zusammengedrängt, sie eilte ihm auf ein scharfes Hupen hin entgegen, ihr Hinken war gut erkennbar, sie hielt sich am Eisenknauf neben der Tür, und mit einer seltsamen wackelnden Bewegung zog sie sich selbst herauf. Simson blickte dem Lastwagen nach, der sich entfernte, nach dem Nacken von Motke, der ihm nicht zum Gruss gewinkt hatte, und nach dem Rücken von Su'ad, die nicht zurückblickte. Stunden später, bis zum Abend, brannte in ihm noch die Wut über Motke, dass er sie im Lastwagen nicht mit den Sitzenden zurückgefahren hatte und sie den ganzen Weg hatte stehen müssen. Tatsächlich auf ihr gesundes Bein gestützt, auf den staubigen Wegen im schwankenden Lastwagen hin und her geworfen, müde vom langen Arbeitstag, eingepfercht zwischen den Menschen. Und auch ein neues, verstecktes Kneifen erwachte in ihm, als er in seiner Phantasie sah, wie ihre Schenkel und Brüste im schwankenden Gedränge des Lastwagens sich gegen die Körper der um sie gedrängten Männer drängten.

Als sich der Sandsturm gelegt hatte, den der Lastwagen aufgewirbelt hatte, trat Simson in die Küche, dort hatte Su'ad den ganzen Nachmittag gearbeitet. Ein guter Geruch erfüllte sie, ähnlich dem Geruch in der Ecke der kleinen, blitzenden Küche von Hela und Bela. Die Schränke waren poliert und die Gläser darin glänzten. Sie hatte die Schubladen ausgeleert und die alten Säcklein von Backpulver und verdufteten Gewürzen weggeworfen, sie hatte aus den Schränken und vom Brett die kleinen angerosteten Büchslein entfernt, die dort jahrelang gestanden hatten und für die er nie die Zeit gehabt hatte, nachzusehen, was sie enthielten. Das Spülbecken blitzte und es nahm ihn wunder, wie sie es geschafft hatte, dieses unbekannte Weiss herauszuholen. Auf dem Balkongeländer standen Reihen von Pfannen zum Trocknen; er betrachtete sie und bemerkte plötzlich, wie abgenutzt sie waren. Die Küche schien ihm auf einmal hell, er schaute um sich und begriff, dass sie die Wände heruntergewaschen und den zerbrochenen Rolladen herausgerissen hatte. So stand er in der Tür, atmete den Seifengeruch ein, als ob es der Geruch von Su'ads Körper sei, erinnerte sich an den Anblick ihres Hinterteils, als sie auf den Knien den Boden die Ecke des Kühlschranks aufgenommen hatte.


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Ran Jagil: Autobiographie

Ich verstecke mich schon fünf Monate im Lebensmittelgeschäft von Solomon. Ich mache dort alles: Kisten schleppen, Rechnungen tippen, Ware verstauen, mit den Lieferanten verhandeln, zum Buchhalter gehen, mit den Kunden tratschen. Keiner hier spricht meinen Namen richtig aus. Alle, aber auch alle entstellen meinen kurzen Namen. Mein Name ist Rani. Zwei Silben, ai. Frau Hochberg von Gottlieb drei nennt mich beharrlich Ami. Und als ich sie auf ihren Fehler aufmerksam machte, blickte sie mich an und sagte: "entschuldige, ich wusste nicht, dass dies für dich so wichtig ist. Hauptsache, du stellst die Milch in den Kühlschrank." Solomon, der Inhaber des Lebensmittelgeschäfts selbst nennt mich Rami. Zu seinen Gunsten muss gesagt werden, dass er am wenigsten von allen daneben liegt. Immerhin bleibt er beim Konsonanten R und den Vokalen ai. Josef, der Milchlieferant von Tnuba nennt mich beharrlich Sami, und ihm tun es alle andern Milchlieferanten nach. David von Tara und Alon Shmuel von Strauss. Alon Shmuel sagt immer: "Hätte dich dein Vater nicht ein wenig ins Showbis einführen können? Dass du Schauspieler geworden wärst. "Er hätt dir im Leben was richten könn ei, Fernsehprogramm Sender zwei." Miki Dediashwili, der Vertreter von Coca-Cola nennt mich Dani, obwohl er zwei Jahre unter mir in der Schule war und ich habe das flaue Gefühl, dass er dies absichtlich tut. Arie, der im Einreisebüro beim Minister Jaïr Zaban arbeitet, nennt mich Gili; doch alle übertrifft Drora von Boas Ben-Zions Künstlermarketingbüro - sie nennt mich Gadi. Immer sagt sie: "du bist der kleine Gadi."

Gadi Jagil ist mein Vater. Als ich klein war, nahm mich meine Tagesmutter Kika, zum Masarikplatz mit. Dort spielte ich mit Orly Weissman. Am Schluss des Spiels, wenn wir beide schon beinahe mit Schlamm bedeckt waren, pflegte mich meine Tagesmutter Kika energisch wegzureissen, nach Hause durch die Reichstrasse zur Stand. An der Ecke StandReich trafen wir dann den Sänger Shmulik Krauss. Auch im Sommer war er stets in eine rote Windjacke gehüllt und seine Augen waren verschleiert und gerötet. Er kam dann auf mich zu und sagte zu Kika: "Ich kenne ihn, dies ist der kleine Gadi." Danach pflegte er mich in die Luft zu werfen, und ich aus Angst zu schreien. Er packte mich mit einer Hand, obwohl ich schon so gross und schwer war. "Dies, meine Dame", pflegte er zu sagen, "dies ist der kleine Gadi. Ich kenne ihn so gut. Die ganze Familie kenne ich. Onkel Motke, Onkel Josi, Onkel Dori, Mutter Bilha. Aber dies? Dies ist der kleine Gadi." Danach pflegte er mich ein weiteres Mal in die Luft zu werfen, mich aufzufangen und auf den Gehsteig zu stellen. Ich stand dann mit strenger Miene dort. Meine Zunge schaute zwischen den Lippen hervor, meine schlammverschmierten kleinen Beine in kitzekleinen Sommersandalen gepflanzt in die Einfassung des Gehsteigs. Mein Kopf war schwindlig aufgrund des mir aufgezwungenen Schwebens. Ich stemmte meine Hände in die Hüften und sagte energisch bestimmt: "Ich bin nicht Gadi, ich bin Rani."

"Rami", Solomon rief mich. Ich ging zu ihm hin. "Bring Drora diese fünf Wassermelonen." Ich erhob die Last, sie war schwer, und ging zur DovHosStrasse fünf. Die Sonne brannte. Der Nylonsack war gespannt und riss beinahe zwischen meinen schwitzenden Händen. Schweiss rann mir von der Stirn und meine Arme röteten sich. Ich überquerte die schwarze Asphaltstrasse des Privatparkplatzes. Ich trat ins Haus ein und kletterte keuchend die drei Stockwerke hinauf. Ich stellte die Wassermelonen auf den Boden vor der Wohnungstür. Mein Hemdsärmel war vom Schweiss total durchnässt. "Hallo. Wie geht es dir, Noemi, Gadis Sohn ist da. Er arbeitet. Du weisst, dass ich junge Männer sehr mag, die arbeiten. Was ist das, was hast du gebracht? Wassermelonen? Wer hat dies bestellt? Dies, hahahaha. Noemi, er bringt mir Wassermelonen. Fünf Wassermelonen. Ich habe bei ihm Wassermeloneneis bestellt. Klar und deutlich sagte ich es Solomon am Telefon, Wassermeloneneis. Versteht er kein Ivrith? Entschuldige sehr. Dafür zahle ich nicht. Du Armer, hast dies bis hierher geschleppt. Hier, nimm." Sie steckte die Hand in den Geldbeutel, "tut mir fürchterlich leid Gadi, aber ich habe erst gestern fünf Wassermelonen gekauft."

Ich verstecke mich schon ein halbes Jahr im Lebensmittelgeschäft von Solomon. Komme ich heim, bin ich sehr müde, werfe meine Hüfttasche neben das Bett und lege mich rücklings hin: mein Auge hängt an der Zimmerdecke: seltsamer Schmutz. Langsam schliessen sich meine Augen und wie immer kommen dieselben Gedanken: Wo sind all diese Jahre. Ich bin nicht Gadi, ich bin Rani. Ich bin nicht Gadi, ich bin Rani. Wo sind all die Jahre. Ich bin nicht Gadi, ich bin Rani. Ich bin nicht Gadi, ich bin Rani. Ich bin nicht Gadi, ich bin Rani. Ich bin nicht Gadi, ich bin Rani. Wo sind all. IchbinnichtGadi, ichbinRani. IchbinnichtGadiichbinRani. IchbinnichtGadiichbinRaniichbinnichtGadiichbinRaniichbinnichtGadiichbinRani. Ich.


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Ran Jagil: Die Versammlung

Ich steige Steinstufen hinunter in die kalte Strasse. Ich steige Steinstufen hinunter in die kalte Strasse. Ich steige Steinstufen hinunter und Kälte schlägt mir ins Gesicht. Wolken von Wärme entsteigen meinem Mund, oder vielleicht Zigarettenrauch. In letzter Zeit bin ich sehr nervös. Dezember, miristkalt. Ich schreite durch die verrusste Strasse. Gelbe Taxis flackern mit schwachen Lichtern über die Strassen. Ich verlasse eine Gasse, betrete eine andere. An einem der Stände kaufe ich mir ein Glas Pepsi-Cola, bezahle rasch mit gefrorenen Münzen und nehme meinen Weg wieder auf. Dezember, New York, miristkalt. Ich bin seit ungefähr zwei Monaten hier. Es ist schwer, die Kälte zu ertragen. Meine Ohrläppchen sind gefroren, die Fingerspitzen kann ich nur schwer spüren: gefrorenes Fleisch. Ich gehe an einer weiteren Gasse vorbei und betrete ein verlassenes Haus. New York, New York, so nice to name it twice.

Ich steige Steinstufen hinunter in den jämmerlich erscheinenden Keller. Ich steige die Treppe hinunter. Ich steige hinunter. Wendeltreppe. Der Beton ist rissig, Feuchtigkeit breitet sich an den Wänden aus. Ich sauge im Dunkeln durch den weissen Strohhalm mein Pepsi-Cola. New York, New York, so nice to name it twice.. Eine Eisentür steht vor mir, eine grosse Lagerhaustür.

Es gibt im Tenach einige Ausdrücke für Prophet: "Schauer", "Seher", "Gottesmann". Ich sage mir dies, weil ich mich fürchte. Immer sage ich dies zu mir selbst, wenn ich mich vor der nahenden Zukunft fürchte: Türe öffnen, Getränk kaufen, Treppe hinuntergehen, Taxi fahren, Zigarette rauchen. Wohin wird sich die Geschichte verzweigen? Wovor fürchtest du dich, Rani? Ich fürchte mich vor dem Morgen. Gibt es eine Chance, dass wir morgen aufstehen, Rani? Ja. Es gibt keine Sicherheit, aber eine gute Chance. Gut, denn im Tenach gibt es einige Ausdrücke für Prophet: "Schauer", "Seher", "Gottesmann". Und hier ist die grosse Eisentür. Meine Hand auf der Türfalle.

Grelles Licht schlägt mir in die Augen. Es ist kalt im Raum, unmittelbare Enttäuschung klebt an der Kälte. Was haben wir hier, ich analysiere, was ich sehe: schwere, von Feuchtigkeit angefressene Holzbänke, in Reih und Glied, Bankordnungen. Im hangarartigen Kellerraum sitzen an die hundert Personen. Einige davon sind ziemlich betagt, Tirolerhüte auf den Köpfen, andere tragen hohe Kasketten. "Vereinigung von Flüchtlingen", denke ich und sauge bewegt aus meinem Pepsi-Cola, erbarmungswürdige Alte, geschrumpft und gebündelt. Einer von ihnen steht und spricht trocken in einem deutschtümlichen Englisch, die anderen hören mit erhobenem Kopf. Die hintersten Reihen sind eng bevölkert mit jungen Menschen, kurzhaarig, bewaffnet mit Sonnenbrillen. Alles Männer. Auf der Bühne hinter dem uralten Sprecher hängt ein Bild von Hitler - mit einem Hakenkreuz verziert. Das Bild ist ausgebleicht. Ich stehe hinter einem Sonnenbrillenbewaffneten in T-Shirt und verschränke meine Arme.

"Obwohl die Propheten das Wort Gottes empfingen, bearbeitete jeder von ihnen die Botschaft aus seiner eigenen Persönlichkeit heraus." Ich persönlich fürchte mich sehr vor der nahenden Zukunft, daher habe ich keine Veranlagung als Medium. Gibt es eine Chance, dass wir morgen aufstehen? Ich sauge aus dem Pepsi-Cola. Ich tippe an die Schulter des vor mir Sitzenden. Er dreht sich grimmig um, die Angst nimmt von mir Besitz. Miristkalt, denke ich, miristnunwirklichkalt. "Ich weiss, dass dies eine Versammlung von Alt-Nazis ist. Wer ist das, der dort auf der Bühne spricht?" Wie ein Eselschrei kommen die Sätze in Ivrith aus meinem Mund, wegen der Angst verwirrt. Miristkalt in den Knochen und der Schweiss rinnt mir tröpfchenweise aus den Achselhöhlen über die Rippen. Der Mann wirft mir einen seltsamen Blick zu. "Du sprichst Ivrith?" fragt er. "Ja, aber auch du sprichst Ivrith." Ich verschlucke die Worte. Ich weiss sofort, dass man mir eine Falle gestellt hat. Der Geheimdienst der Neonazi pflanzt in die versammelte Gruppe einen Menschen, der Ivrith spricht, vielleicht gar einen Israeli, der seine Seele dem Satan gegen materiellen Gewinn verkauft. Seine Aufgabe ist, sich in die Gruppe der neuen Juden, der Neujuden zu drängen, Neugierige Ivrithsprechende, die einzig kamen, um der Versammlung beizuwohnen.

Plötzlich dreht sich zwei Reihen weiter vorn jemand um und winkt mir Hallo zu, wie ein halbes Hallo, unsicher und blass wirkt er und nimmt sofort die Hand wieder hinunter. Diese Fratze ist mir bekannt, denke ich angestrengt, sie ist mir bekannt. Da ziehen alle Israelfeinde gleichzeitig vor meinem Auge vorbei; jene, deren Gesichtszüge mir aus den Geschichtsbüchern bekannt sind: Antiochos, Haman, Bogdan, der verabscheuungswürdige Hamalizki, Turkwada, Hitler, Göring, Göbbels, Himmler, Eichmann. Wem zum Teufel gleicht er, der Mensch, der mir zögernd-freundlich zuwinkt? Ich trete aus Neugierde aus der Reihe und lehne mich an die Wand. Ich kehre in die Reihe zurück. Der Mensch mit Sonnenbrille dreht sich um und gibt mit einen zerknüllten Zettel. "Ya Maniak, wie oft habe ich dich in Giulis im Shesbesh Mars gesetzt." Der Zettel ist in unruhiger, schiefer Schrift geschrieben, die Buchstaben kämpfen gegeneinander. Ich erinnere mich. Gil, Maschak, die Dreiereinheit von Giulis. Was tut er hier? Um ehrlich zu sein, verdirbt mir Gil aus der Armee die Atmosphäre. Da ist nichts vom dämonischen deutschen Glanz. Die Dinge beginnen sich wie eine Abschlussparty in Giulis zu präsentieren. Wo sind die schwarzroten Fahnen, die Bilder aller Verhassten aus der Gymnasialzeit, die Feinde der Freiheit, Uniformen, schwarzen Stulpenstiefel, Hitlergrüsse, der Entenmarsch, die Wagnermusik. Nichts davon erscheint meinem Auge. Nur alte Narren mit Tirolerhüten in den ersten und dunkelhäutige junge Kahlgeschorene in den letzten Reihen. Ich beende meine Pepsi-Cola und beginne das Eis zu lutschen. Welche Kälte, denke ich, welche Enttäuschung.

"Tausend Jahre wird das Dritte Reich bestehen. Tausend Jahre wird das Dritte Reich bestehen!" die Stimme widerhallt glanzlos im Keller, die Alten in Tirolerhüten beginne miteinander zu tuscheln. Der Mann auf dem Katheder zitiert aus "Mein Kampf". Ich werfe einen weiteren kurzen Blick auf den Zettel. "Ya Maniak, wie oft habe ich dich in Giulis im Schesbesch Mars gesetzt." Dieser Satz macht mir mehr als alles Angst. Während drei Jahren hatte ich in der Fahrzeugwerkstatt in Giulis gegen den hässlichen Gil meinen ganzen Sold verloren. Meine Mutter hatte mich immer gefragt, wohin das Geld gekommen sei. Bis ich eines Tages die Hand geballt und Gil ins Gesicht geschlagen hatte. Es war ein kräftiger Schlag gewesen, er war sofort in Ohnmacht gefallen. Am Abend hatte man mir im Speisesaal abgepasst, David, Abi Azulai, Nahum Micky-Maus, Herzel Pitusi, Moshe Mizrachi und Gil, der es geschafft hatte, sich vom Schlag und den Stunden des Frustes hochzuräppeln. Dort, im Schlamm machten sie mich kalt. Leintücher, Fäuste, Fusstritte, Spucken, Eier zerbrechen, alles war schlecht: grüngrau. "Miristkalt", murmle ich, "miristwirklichfürchterlichkalt." Das Pepsi-Cola klettert mir den Rachen herauf, ich möchte erbrechen. Zwischenmenschliches und Kriege. New York, New York, so nice to name it twice.

Der Alte steigt vom Katheder und macht sich an seinen Platz. Jetzt erkenne ich in der grossen Menge, ausgerüstet mit Sonnenbrillen wie die Jungen, David, Abi Azulai, Nahum Micky-Maus, Herzel Pitusi, Moshe Mizrachi und Gil. In den letzten Reihen tuscheln sie in Ivrith. Vor den Mann im Tirolerhut setzt er sich, hebt den Arm mit ausgestreckter Hand, sagt Heil Hitler, irgendwie jämmerlich. Alle murmeln ihm nach, Heil Hitler, Heil Hitler und schweigen.

Grelles Licht schlägt mir in die Augen. Ich gehe hinaus. Ich schüttle Gils Hand, er lädt mich zu ihrem Hotel ein. "Was ist los?" frage ich und blicke um mich. "Was für ein Dummkopf", sagt Pitusi, "alle in den letzten Reihen waren Israeli, die kamen, an die Versammlung der Alt-Nazi." - Willst du mir erzählen, dass tatsächlich neunzig Prozent der Zuhörer Juden, Israelis waren?" - "ich will dir nichts erzählen. Du hast mit eigenen Augen die letzten Reihen gesehen, auch in den mittleren Reihen waren Israeli, das stach heraus, nicht?" "Ja", sage ich zu Nahum Micky-Maus. "Ein organisierter Ausflug zur Sache. Und dann trifft man Rani in einer Versammlung der Alt-Nazi", lacht Mizrachi. "Lasst uns gehen. Ich lade euch alle zu einem Hamburger auf meine Rechnung ein", sage ich. Innerlich tut mir die Einladung sofort leid. Pitusi reibt sich die Hände in hässlichem ausbeuterischem Genuss, und Gil zieht das Schesbesch-Brett aus der Tasche wie das Objekt eines alten Fluches.


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